Slowakei geht mit dem Euro ins Ungewisse (WirtschaftsWoche)



Juraj Karpiš z INESS komentoval dňa 3.1. 2009 pre
WirtschaftsWoche pozitíva a riziká spojené so zavedením eura. Vzhľadom na
prebiehjúcu finančnú krízu je ťažko predpovedať dopady tohto kroku a Slovensko
je preto pokusným králikom pre strednú a východnú Európu.



Mitten in der internationalen Wirtschaftskrise führt die
Slowakei den Euro ein. Misslingt das Experiment, verliert die Währung das
Vertrauen Osteuropas.

Die höfliche, aber bestimmte Art des Wachmanns verrät Routine. „Tut mir
leid, heute gibt’s keine Euro-Päcken mehr.“ Der Hüter der neuen Währung hat
sich vor einer gläsernen Schranke im hellen, weitläufigen Foyer der slowakischen Nationalbank aufgebaut.
Keine Euro mehr, und dabei ist es noch nicht einmal Mittag. Hunderte Bewohner
der Hauptstadt Bratislava stehen hier Tag für Tag Schlange, um Sets mit 16,60 Euro
in frisch geprägten Münzen
 zu erwerben. Mehr als eine Million solcher
Päckchen hatten Banken und Postämter schon Wochen vor der Einführung der
Gemeinschaftswährung zum Jahreswechsel unter die Leute gebracht. Schon Anfang
Dezember wurden die Bankschalter von den Euro-Fans geradezu überrannt.

Die meisten Slowaken sind stolz, in die elitäre Währungsgemeinschaft
aufgenommen zu werden. Gehören sie damit doch zu den Vorreitern unter den
östlichen Neumitgliedern der Europäischen Union – nach Slowenien, das den Euro
bereits Anfang 2007 eingeführt hat. Doch inmitten der Wirtschaftskrise birgt
der Währungswechsel für die 5,4 Millionen Einwohner des Landes auch ein Risiko.
„Die Krise macht die Folgen kaum
vorhersehbar“, sagt Juraj Karpis, Ökonom des slowakischen Instituts für Ökonomische und Soziale Studien (INESS). „Für
so etwas gibt es keine Erfahrungswerte.“

Zwar bietet der Euro der kleinen
slowakischen Volkswirtschaft Schutz vor Währungsspekulationen wie jenen, die
unlängst zum Absturz der ungarischen Währung Forint beitrugen. Doch schon
wenige Monate nach dem slowakischen Eintritt in die Euro-Zone könnte sich die
Inflation beschleunigen, fürchtet Karpis. Grund dafür ist das starke
Entwicklungsgefälle zwischen der Slowakei und den anderen Euro-Ländern – pro
Kopf erwirtschaften die Slowaken nur 67 Prozent des durchschnittlichen
EU-Bruttoinlandsprodukts.
Auch die Brüsseler Kommission nimmt diese Sorge
ernst und ermahnt slowakische Regierungsbeamte, nur ja nichts zu unternehmen,
was die Inflation anfachen könnte.

Standortvorteil niedrige Löhne in Gefahr

Steigende Euro-Preise würden eines der kostbarsten Güter des Landes
bedrohen: die niedrigen Löhne, die bisher ausländische Industrie-Investoren ins
Land lockten. Nach INESS-Berechnungen
führte schon die Teilnahme am Wechselkursmechanismus II vor der Einführung des
Euro dazu, dass die slowakischen Arbeitskosten in jüngster Zeit schneller
stiegen als etwa die tschechischen. Hält der Trend an, wird die Slowakei in den
Augen ausländischer Investoren weniger interessant.

Deutsche Unternehmen, die in der Slowakei fertigen, rechnen auch mit
steigenden Energiekosten nach der Euro-Einführung. Lange federte der
Wechselkurs der starken Krone zum schwachen Euro Preissteigerungen bei Sprit,
Strom und Gas einigermaßen ab. „Mit dem Euro wird die Slowakei Schwankungen an
den Rohstoffmärkten nun viel stärker ausgesetzt sein“, sagt Volker Mackert,
Finanzdirektor des Chipkarten-Herstellers Giesecke & Devrient im
westslowakischen Nitra
.

Die meisten ausländischen Direktinvestitionen flossen in den
Automobilsektor. In keinem anderen Land der Welt werden – gemessen an der
Bevölkerungszahl – so viele Autos gebaut wie im sogenannten Detroit des Ostens. Doch die von den Herstellern erhofften
Vorteile des Euro – wie das Ende der Wechselkursverluste und der Wegfall der
doppelten Buchführung – gehen in den augenblicklichen Turbulenzen der
Absatzkrise unter. Auf Gedeih und Verderb sind Hunderte Zulieferbetriebe auf
Aufträge der drei großen Autowerke von Volkswagen, Peugeot-Citroën und Kia
angewiesen. Wegen ihrer geringeren Margen können sie den Nachfrageeinbruch
wesentlich schlechter abfedern als die Autohersteller.
Die Branche bereitet sich auf eine Entlassungswelle vor. Einige Unternehmen
haben schon jetzt nur noch für die Hälfte ihrer Mitarbeiter Arbeit. „Bis
Weihnachten galt eine inoffizielle Schonfrist“, sagt ein deutscher Kenner der
slowakischen Autobranche, „im neuen Jahr geht es los.“ Unternehmen mit
lohnintensiven Tätigkeiten – etwa dem Binden von Kabelbäumen – vermag die
Aussicht auf den Euro nicht zu beruhigen. Die slowakischen Löhne sind in den
vergangenen Jahren so stark gestiegen, dass einige Autozulieferer erwägen, auf
die Segnungen der Gemeinschaftswährung zu verzichten und ihre Produktion in die
benachbarte, billigere Ukraine zu verlagern.

Garant für
Haushaltsdisziplin

Im neunten Stock der slowakischen Zentralbank, hoch über den umlagerten
Euro-Schaltern, sinkt Martin Barto in seinen edlen Ledersessel mit Aussicht auf
die Silhouette von Bratislava. Der monatelange Dauerstress im Vorfeld der
Euro-Einführung ist dem 50-jährigen Vizegouverneur der Nationalbank anzumerken.
Doch seine Vorfreude auf die Gemeinschaftswährung Euro ist ungetrübt: „Der
größte Nutzen ist die Disziplinierung unserer Haushaltspolitik“, sagt Barto.
Ohne Regulierung von außen nämlich neigten die Regierenden in der Jahrhunderte
lang von Budapest beherrschten Slowakei dazu, fiskalpolitisch den laxen
ungarischen Traditionen zu folgen. „Hätten die slowakischen Regierungen in den
vergangenen Jahren nicht den Beitritt zur Euro-Gemeinschaft vor Augen gehabt,
wären wir heute in einer ähnlichen Lage wie das hoch verschuldete Ungarn“, ist
Barto überzeugt.

Die imposante Abbildung einer Ein-Euro-Münze auf der halbrunden Glasfassade
des 111 Meter
hohen Zentralbank-Turms bedeckt ganze elf Stockwerke. Ihre Botschaft an die
Bewohner Bratislavas ist eindeutig: Der Euro ist da, und er ist stark. Die
schwebende Mega-Münze, die es einst leicht mit sozialistischer
Brachialpropaganda hätte aufnehmen können, ist auch als Botschaft an die
slowakische Regierung gedacht: Sie soll den sozialdemokratischen
Premierminister Robert Fico und seinen unweit der Bank in einem bescheidenen
grauen Büroklotz residierenden Finanzminister daran erinnern, beim Haushalten
mit den Staatsfinanzen nicht über die Stränge zu schlagen.

Bisher scheint die Mahnung ihre Wirkung nicht zu verfehlen: Obwohl die
Regierung Fico eine Reihe kostspieliger, von seinen Gegnern als populistisch
verurteilter Wahlversprechen einlöste und großzügig die Sozialausgaben erhöhte,
gelang es ihr, alle Euro-Konvergenzkriterien des Vertrages von Maastricht zu
erfüllen. Während der entscheidenden Messung im März lag die slowakische
Inflationsrate mit 2,2 Prozent deutlich unter dem damals erlaubten Höchstwert.
Auch das Haushaltsdefizit und die Staatsverschuldung blieben unter den
Maastricht-Grenzwerten.

Angst vor nachlassendem
Wirtschaftswachstum

Aber das muss nicht so bleiben. Die slowakische Inflationsrate ist
inzwischen wieder auf 4,2 Prozent geklettert. Und wegen der Krise auf den
Absatzmärkten der exportabhängigen Wirtschaft des Landes drohen die
Steuereinkünfte wegzubrechen, die Fico braucht, um den von neuen Ausgaben
belasteten Staatshaushalt ausbalancieren zu können. Seine Freigiebigkeit nach
der Wahl könnte sich nun rächen: Er hat versäumt, in guten Zeiten vorzusorgen.
2007 glänzte die slowakische Wirtschaft mit einem Rekordwachstum von 10,4
Prozent und 2008 mit immer noch stolzen sieben Prozent. Die Prognosen für 2009
aber werden laufend nach unten korrigiert. Derzeit rechnen die Ökonomen mit 4,6
Prozent. Sollte die Wachstumsrate auf zwei Prozent fallen, werde die Slowakei
das Defizitkriterium verfehlen, befürchten Experten.

Utopisch ist das nicht: Die bisherige Finanzierung des slowakischen
Wachstums durch ausländisches Kapital droht zu versiegen. Unter den Bedingungen
der Krise dürften die hohen ausländischen Direktinvestitionen vor allem aus dem
westeuropäischen und asiatischen Automobilsektor, die in den vergangenen Jahren
den slowakischen Wirtschaftsboom vorantrieben, bis auf weiteres ausbleiben.

Auch aus der dringend nötigen Reform des beruflichen Bildungssystems, mit
der Slowakei langfristig ihre Attraktivität für ausländische Investoren erhöhen
will, dürfte vorerst nichts werden. Niemand in Bratislava erwartet
Reformfortschritte vor den Parlamentswahlen im Jahre 2010. „Außerdem“, sagt
Zentralbank-Vizegouverneur Barto, brauchen nach der Euro-Einführung alle erst
einmal eine Pause, bevor sie neue Großprojekte in Angriff nehmen“.

Alle Augen auf Bratislava

Im Jahr des slowakischen Euro-Debüts – dessen ist sich Barto bewusst – sind
alle Augen in Zentral- und Osteuropa auf sein Land gerichtet. Der polnische
Premier Donald Tusk wünscht den Slowaken viel Erfolg, auf dass ihr Beispiel ihm
Argumente für seine eigene Euro-Kampagne liefere. Tusk
will den Polnischen Zloty 2012 durch den Euro ersetzen.
Dem Staatsbankrott
nahe und angewiesen auf Rettungskredite des Internationalen Währungsfonds und
der EU will Ungarn sich durch eine baldige Euro-Einführung gegen weitere Schockwellen
aus den Finanzmärkten schützen. Die tschechische Regierung dagegen betrachtet
den Euro bisher eher als Risiko denn als Sicherheit und will sich auf kein
Datum festlegen. Die Tschechen genießen den günstigen Wechselkurs der starken
Tschechischen Krone. Das Klagen  ihrer Exporteure, die unter hohen
Wechselkursverlusten leiden, verhallt ungehört.

Bange blicken die exportierenden
tschechischen Autozulieferer deshalb über die Grenze zu ihren slowakischen
Konkurrenten. „Die Slowakei ist jetzt das Versuchskaninchen Zentral- und
Osteuropas“, sagt Ökonom Karpis. Misslinge das slowakische Experiment, werde
sich auf absehbare Zeit niemand sonst auf den Euro einlassen. 

Für einige Slowaken immerhin hat sich die neue Währung schon vor dem
offiziellen Beitrittstermin ausgezahlt: Sie deckten sich bei Banken üppig mit
Euro-Münzsets ein ¬– dort kosteten sie jeweils 500 Slowakische Kronen – und
vertickten sie für 700 Kronen im Internet.

Christian Schaudwet

 

WirtschaftsWoche,
3.1. 2009

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